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Ride
and
Pray

Wenn Hoffnung deine Fahrtechnik ersetzt

Da rast er dahin.
Um die Kurve – Fuss zur Sicherheit vom Pedal. Weiter geht’s durch den Rockgarden. Trotz ein paar ordentlicher Kompressionen und einer kreativen Linienwahl auf dem Bike geblieben! Die nächste Passage wird steil. Po hinter den Sattel, Hinterbremse ziehen – und schon slidet er den Hang hinunter, um unten wieder mit Vollgas in die Pedale zu treten.

Puh, das war knapp!

Hast du solche Biker:innen auch schon beobachtet?
Oder erkennst du dich gerade selbst ein bisschen wieder?

Ich nenne diese Technik liebevoll: Ride and pray.
Augen zu und durch – wird schon irgendwie gut gehen.

Und ja, oft klappt das auch, irgendwie, ohne Sturz.
Doch manchmal eben nicht. Und dann wird es schmerzhaft.
Und wenn es richtig blöd läuft, hat es Konsequenzen.

Notsituation. Bergung. Ärztliche Versorgung. Krankenhausaufenthalt. Arbeitsausfall. Einschränkungen im Familienalltag. Reparatur oder Ersatz des Bikes. Physiotherapie. Reha. Und irgendwann – mit einer grossen Portion negativer Gedanken im mentalen Rucksack – zurück aufs Bike.

Muss das wirklich sein?
Meiner Meinung nach: Nö!

NatĂĽrlich wollen wir Neues ausprobieren. Wir mĂĽssen unsere Komfortzone verlassen, um zu wachsen. Doch wie weit? Und mit welchen Skills im Rucksack?

Etwas Neues zu wagen bedeutet nicht, sich blauäugig ins Verderben zu stürzen und aufs Beste zu hoffen.
Es bedeutet, sich mit dem Neuen auseinanderzusetzen. Sich zu informieren. In einfachem Gelände zu üben. Bewegungen zu verstehen. Und das Gelernte Schritt für Schritt in anspruchsvolleres Terrain zu übertragen.

Leider sehen wir uns selbst nicht, wenn wir auf dem Bike sitzen. Spiegel wie in einer Tanzschule wären hilfreich – die Umsetzung auf dem Trail allerdings eher schwierig.

Wir glauben oft, wir machen etwas auf eine bestimmte Art und Weise. Sehen wir dann ein Video von uns und analysieren ehrlich, folgt nicht selten die Reaktion:

Was maaache ich denn da?! Ich dachte, ich mache X – aber stattdessen mache ich Y.

Wenn du das bei dir erkennst – und es dir eingestehen kannst – herzlichen Glückwunsch!
Du hast bereits einen wichtigen Schritt im Lernprozess gemacht.

Denn: Wahrnehmung ist der Anfang von Veränderung.

Wenn dir diese Aussenperspektive fehlt, hilft eine erfahrene Fahrtechnik-Instruktor:in weiter. Eine solche Person unterstützt dich dabei, neue Techniken von Beginn an sauber zu erlernen – was übrigens deutlich einfacher ist, als später falsch abgespeicherte Bewegungsmuster zu überschreiben, wobei auch das natürlich geht, nur etwas mehr Arbeit bedeutet.

Gute Instruktor:innen brechen komplexe Bewegungsabläufe in kleine, verständliche Häppchen herunter. Du lernst diese einzeln, setzt sie zusammen und erhältst kontinuierlich Feedback:

  • Was funktioniert gut?
  • Was solltest du anpassen?
  • Wie genau sieht die Alternative aus?

Idealerweise wird dabei dein gesamtes System betrachtet:

  • Wo fehlt Mobilität?
  • Wo fehlt Kraft?
  • Wo fehlt Flexibilität?
  • Wo fehlt Balance?

Denn auch das können limitierende Faktoren sein.

Kurz gesagt: Ein Hoch auf gute Fahrtechnik-Instruktor:innen!

So lernst du effizient. Sicher. Nachhaltig.
Und fährst vielleicht schon bald genau das, was du dir vorgenommen hast. Ohne den “just send it”-Ratschlag.

Und wenn du (noch) nicht so weit bist, sagt dir eine seriöse Instruktorin oder ein seriöser Instruktor das auch – und schickt dich nicht nach der „Ride and pray“-Methode hinaus in die freie Wildbahn.

Denn die entscheidende Frage ist nicht:
Kommst du den Trail irgendwie runter?

Sondern:
Willst du in fĂĽnf, zehn oder zwanzig Jahren immer noch mit Freude und Selbstvertrauen auf dem Bike sitzen?

Technik ist kein Ego-Thema.
Sie ist eine Investition in deine Zukunft auf zwei Rädern.

Aline Rebmann, Februar 2026